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| IMC Wiki | Zystenbildung, Pathogenese

Zystenbildung, Pathogenese

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Einleitung

Zystische Veränderungen im Mund-, Kiefer- und Gesichtsbereich gehören nach der Karies und den Parodontopathien zu den häufigsten Erkrankungen dieser Region. Deren Entstehung lässt sich meistens als Folge und aus Resten der komplizierten embryonalen Entwicklung der Zähne und der Kieferregion ableiten. Vergleichbare Veränderungen kommen in keiner anderen Körperregion vor.

Die Entstehung der Zysten ist an das Vorhandensein von Epithel in der Tiefe des Gewebes und einen proliferationsfördernden Reiz gebunden.

Pathogenese der radikulären Zysten

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Die Pathogenese der radikulären Zysten, die auf inflammatorischen Stimuli beruht, hat Valderhaug (1972) detailliert beschrieben.
Er teilt sie in 3 Phasen ein.
  1. In der Initialphase kommt es, ausgehend von einer Entzündung im apikalen Bereich eines marktoten Zahns, zur Proliferation von Epithelzellen, welche den Malassezschen Epithelresten entstammen (Harris und Toller 1975).
    Die Entzündung im apikalen Bereich eines marktoten Zahnes oder in einem periapikalen Granulom ist durch bakterielle Endotoxine verursacht. Endotoxine haben verschiedene biologische Aktivitäten, u. a. fungieren sie als Mitogene für die Epithelzelle und als Stimulans für die Produktion von Cytokinen.
    Cytokine werden von aktivierten Zellen des Immunsystems produziert und verfügen über ein spezifisches Spektrum von Funktionen. Einige wichtige Cytokine sind Interleukin (IL-1) und Interleukin (IL-6), Transforming Growth Factor (TGF-β), Platelet-Derived Growth Factor (PDGF) und Tumor-Nekrose-Faktor (TNF).
  2. In der Phase der Zystenbildung bildet sich aus diesen proliferierenden Epithelsträngen die Wand eines Hohlraumes. Dies geschieht am häufigsten durch gleichzeitigen Zerfall von Epithel und Granulationsgewebe und Konfluenz der Hohlräume mit anschließender Epithelisierung (simultane intra- und extraepitheliale Hohlraumbildung).
  3. In der Phase des Zystenwachstums kommt es durch den Zerfall von Epithelzellen und Leukozyten sowie der Ansammlung von Plasmaexsudat zur Erhöhung der Osmolalität der Zystenflüssigkeit gegenüber der des Serums. Daraufhin wird der hydrostatische Innendruck größer als der Kapillardruck. Gewebeflüssigkeit diffundiert von daher in das Innere der Zyste, welche an Größe zunimmt.

Pathogenese der entwicklungsbedingten Zysten

Für die follikulären Zysten begünstigen unbekannte Stimuli die Proliferation von Epithelrestzellen durch eine Cytokin-Synthese.

Theorien für die Pathogenese der follikulären Zysten:
  • Fehlentwicklung des Schmelzorgans (Broca und Magitot)
    Zwischen dem inneren und äußeren Epithel entsteht ein zystischer Hohlraum, in dem sich Flüssigkeit ansammelt. Tritt dies in der embryoblastischen Phase auf, kommt es zur Ausbildung einer zahnlosen Zyste. Bei einem Auftreten in der odontoblastischen Periode bildet sich eine zahnhaltige Zyste (Follikuläre Zyste) aus. Setzt die Zystenbildung vor der vollständigen Ausbildung der Zahnhartgewebe ein, enthält die Zyste unvollständige Zähne oder Zahnrudimente.
  • Entzündliche Genese (Partsch, Wassmund, Hammer)
    Es wird angenommen, dass die Zystenbildung zuerst am noch nicht durchgebrochenen Zahn beginnt und dass zur Auslösung dieses Vorganges ein inflammatorischer Prozess (zum Beispiel apikale oder marginale Entzündungen an den Milchzähnen oder eine hämatogene Infektion) nötig sei.

Pathogenese der keratozystischen odontogenen Tumore

(früher: Keratozysten)

Es erhärtet sich die Hypothese, dass keratozystische odontogene Tumoren nicht entwicklungsgeschichtlich, sondern neoplastisch entstehen (Agaram et al. 2004), sodass diese nicht mehr den Zysten, sondern den odontogenen Tumoren zugeordnet werden.

Protoonkogene sind normale Gene, die in jeder Zelle vorkommen und für Proteine kodieren, die Wachstum, Teilung und Differenzierung einer Zelle kontrollieren und steuern. Mutiert ein solches Gen, kommt es im häufigsten Fall zu einem Funktionsverlust, die Zellteilung wird nicht gefördert und die Zelle kann sich nicht mehr teilen. Meist zieht das den programmierten Zelltod (Apoptose) nach sich.
Es kann auch sein, dass durch die Mutation der Protoonkogene die Zellteilung gefördert wird, so dass ein unkontrolliertes Zellwachstum gefördert wird. Tumorsuppressorgene haben vergleichbare Wirkungen wie die Protoonkogene.

Das Tumorsuppressorgen p53 ist beim keratozystischen odontogenen Tumor betroffen und spielt sowohl bei der Entstehung als auch beim Wachstum eine große Rolle (Özveren et al. 2003).

Faktoren für das Wachstum von Zysten

In der Phase des Zystenwachstums nehmen die Zysten an Größe zu. Der exakte Mechanismus des Zystenwachstums ist bis heute umstritten und nicht endgültig geklärt.

Biomechanische Theorie

Das Größenwachstum erfolgt über eine Drucksteigerung, die durch die Flüssigkeitsaufnahme in das Zysteninnere entsteht.

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Die einsetzende Größenzunahme der Zysten stellt kein echtes autonomes Wachstum dar, wie es den Tumorzellen eigen ist (Shrestha et al. 1992). Es ist eine passive Volumenvergrößerung aufgrund osmotischer Vorgänge im Inneren des Hohlraumes, welche eine Drucksteigerung und damit sekundär eine Proliferation der Epithelzellen bewirken. Wie es genau zur Drucksteigerung kommt, ist noch nicht vollständig geklärt. Zerfalls- und Stoffwechselprodukte werden ins Zysteninnere abgegeben und bauen ein osmotisches Konzentrationsgefälle auf.
Dabei übernimmt der Zystenbalg die Funktion der semipermeablen Membran, durch die zum Ausgleich des osmotischen Gefälles Flüssigkeit aus der Zystenumgebung einströmt und eine Erhöhung des hydrostatischen Druckes bewirkt.

Zelluläre und biochemische Aspekte des Zystenwachstums

Theorien auf der Basis osmotisch bedingten Knochenabbaus treten zunehmend in den Hintergrund zugunsten molekularbiologischer Überlegungen und Theorien zum Zystenwachstum.

Einen Nachweis von Collagenase-Aktivitäten in Zystenkapseln stellten Harvey et al. (1984) fest, wobei die Kollagenase den Knochen durch Zerstörung des Kollagens degradiert (Sakamoto et al. 1975).

Die Anwesenheit von verschiedenen Prostaglandinen und anderen arachidonischen Acidmetabolismen ist als Knochenresorptionstimulantien bekannt. Prostaglandine (PGE-2) werden von Dentalzysten produziert und sind für die Knochenresorption durch die Zyste verantwortlich (Harris et al. 1973).

Interleukin-1(IL-1) kann die Produktion von Prostaglandin-2(PGE-2) stimulieren. Meghji et al. (1989) zeigten, dass Interleukin-1(IL-1) von odontogenen Zysten produziert wird. Sie schlugen vor, dass die Sekretion von IL-1 von den Zystenwandzellen die osteoklastische Knochenresorption verursachen könnte.

Obwohl die radikulären und die entwicklungsbedingten Zysten verschiedene initiale Faktoren als Ursache haben, scheinen die drei häufigsten Zystenarten einen gemeinsamen Wachstumsmechanismus zu besitzen.


Quellen

  • Agaram NP, Collins BM, Barnes L, Lomago D, Aldeeb D, Swalsky P, Finkelstein S, Hunt JL (2004), Molecular analysis to demonstrate that odontogenic keratocysts are neoplastic, Arch Pathol Lab Med 128:313-7
  • Harris M, Jenkins MV, Bennett A and Wills MR (1973), Prostaglandin and bone resorption by dental cysts, Nature 245 :213-214
  • Harris M, Toller P (1975), The Pathogenesis of dental cyst, Br Med Bull 31, S.159-163
  • Harvey W, Guat-Chen F, Gordon S, Meghji S, Evans A and Harris M (1984), Evidence for fibroblast as the major source of prostacyclin and prostaglandin synthesis in dental cysts in man, Arch Oral Biol 29: 223-9
  • Meghji S, Harvey W, Harris M (1989), Interleukin 1-like activity in cystic lesions of jaw, Brit J Oral Maxillofac Surg 27:1-11
  • Neukam FW, Becker T (2000), Zysten des Kiefers und der Weichteile, Schwenzer N, Ehrenfeld M, Zahnärztliche Chirurgie. Thieme Stuttgart, New York S89-103
  • S, Sakamoto M, Goldhaber P and Glimcher M (1975), Collagenase and Bone Resorption: Isolation of collagenase from culture medium containing serum after stimulation of bone resorption by addition of parathyroid hormone extract, Biochem Biosphsy Res Commun. 60; 172-8
  • Shrestha P, Yamada K, Higashiyama H, Takagi H, Mori M (1992), Epidermal growth factor receptor in odontogenic cysts and tumors, J Oral Pathol Med 21:314-17
  • Valderhaug J (1972), A histologic study of experimentally induced radicular cysts, Int J Oral Surg. 3: 111-23
  • Özveren A, Tuskan C, Yaltirik M, Atalay B and Erseven G (2003), Expression of the tumour suppressor gene p53 in odontogenic cysts, Turk J med sci 33:243-247